Über die Islamische Revolution im Iran ist viel geschrieben und manches davon übersetzt worden, doch hat für mich kein literarisches Werk die Absurdität der postrevolutionären Jahre im Iran bisher so eindrücklich dargestellt, wie Bahram Moradis »Das Gewicht der anderen«. Der Roman erzählt die Geschichte des dreizehnjährigen Peyman, der seine Adoleszenz aufgrund einer Verwechslung in den verschiedenen Haftanstalten des islamischen Regimes zubringt. In diesem Mikrokosmos erlebt er die entscheidenden Ereignisse der ersten Jahre nach dem Sturz der Pahlavi-Dynastie: den Iran-Irak-Krieg, die Anbiederung der kommunistischen Tudeh-Partei an die Islamisten und den Kampf der restlichen linken Parteien und Gruppen (die sich trotz des gemeinsamen Feindes weiterhin in haarspalterischen Auseinandersetzungen verlieren) gegen das neue Regime, während er sich immer wieder befragt, was das für ein Selbst sein kann, das da unter so widrigen Umständen heranreift.
Vor etwa zwei Jahren habe ich einen Auszug des Buchs für Weiter Schreiben übersetzt und gehofft, dass ich irgendwann die Gelegenheit haben werde, das ganze Buch zu übersetzen. So richtig daran geglaubt habe ich nicht, gibt es doch bis heute selbst von den in Europa schon etwas bekannteren persischsprachigen Autoren wie Sadegh Hedayat („Die blinde Eule“) nur einen Bruchteil des Werks in Übersetzung. Wenn etwas aus dem Persischen übersetzt wird, darf es den Lesern nicht zu viel zumuten, so scheint es und so ist es wohl auch – Literatur aus Iran/Afghanistan ist schließlich schon nischig genug.
Dass dieser Roman vergangenen Monat im Wallstein Verlag erschienen ist, freut mich deshalb umso mehr. Bahram Moradi habe ich als einen Menschen kennengelernt, der nichts aus Gefälligkeit sagt und so schreibt er auch: In rasendem Tempo (der Text liest sich zuweilen wie ein rastloses Hämmern auf der Tastatur) wechselt er beständig zwischen den Registern, die Sprache folgt dem inneren Erleben des Protagonisten, ist in dessen Tagträumen mal eine leichte Prosa, die uns durch den Canal Grande in Venedig führt, dann wieder ein gebrochenes Staccato, wenn die Wortsprache für den Ausdruck des Erlebten kein adäquates Mittel mehr ist.
Moradis Figuren sind keine Identifikationsangebote, einen moralisch ganz intakten Menschen findet man unter ihnen nicht. So ist es zum Beispiel das stoische Maskenspiel des Mirdalqak (Mir, „der Clown“), das Peyman lehrt, Distanz zwischen sich und dem Grauen in den Haft- und Folteranstalten des islamischen Regimes zu schaffen; zugleich bleibt dieser ältere Mitgefangene für Peyman und den Leser ungreifbar, nicht vertrauenswürdig.
Bahram Moradi schöpft nicht aus einer Nationalsprache, sondern aus Sprache an sich. Im Roman finden sich Anspielungen sowohl auf europäische und amerikanische (Joyce, Monty Python, Michael Jackson) als auch auf persische Literaten und Künstler (Behrangi, Golshiri, Khayyam). Immer wieder stößt man in seinen Werken auf deutsche Redewendungen und Sprichwörter, die er so in die persische Sprache einführt, als seien sie immer schon Teil von ihr gewesen. Kategorien wie „östliche“ und „westliche“ Literatur werden hier obsolet.
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