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  • Das Erzählband “Gelächter im Haus der Einsamkeit“ wurde im Jahr 2003 als beste Erzählband des Jahres von „Golshiri Fundation“ und „Literatur Kritiker“ in Iran ausgewählt. 2013 wurde es als zehn beste Erzählbände in der letzten zehn Jahren in Iran von „Literatur Kritiker“ ausgewählt. „L“ ist eine Erzählung von diesem Buch.
  • Aus dem Persischen von Ruth Masuch

Wir waren erst kürzlich neu in diese Wohnung eingezogen. Es ist ein Neubau und die Miete entsprechend hoch. Dafür hat sie einen winzigen Garten durch Sträucher und Bäume vom Parkplatz abgeschirmt. Zu ihm gelangt man über  einen schmalen Zugang. Es war dieser kleine Garten, der meine Frau überzeugt hatte. Bei gutem Wetter würden wir uns so oft wir wollten draußen aufhalten können. Wichtiger als der Garten war mir der Raum, der dem Wohnzimmer vorgelagert, mit Blick auf den Garten liegt. Der so genannte Wintergarten. Mit Fenstern bis zum Boden der beste Ort zum Arbeiten für mich, der ich nicht über die Mittel verfügte, ein Atelier anzumieten. Ich bin Bildhauer. Damals hatte ich vor allem mit Gips und Ton gearbeitet, das macht einen Haufen Dreck. Zumal ich darauf bestand, in enormer Größe zu produzieren.

Ich glaube, es war ein oder zwei Wochen nach unserem Einzug, als meine Frau sagte: „Ich habe den Eindruck, ein Dieb geht um.“ Sie hatte abends den Wäscheständer mit der frischgewaschenen Wäsche rausgestellt und morgens bemerkt, dass einige Stücke fehlten. Als ich fragte, ob denn gerade die guten Sachen weggekommen seien, sagte sie: „Das nicht. Fünf Unterhosen sind weg, einige auch von dir,“ und forderte mich allen Ernstes auf, ich möge ab sofort jeden Abend vor dem Schlafengehen den Wäscheständer reinholen und in einer Ecke des Wintergartens aufstellen. „Na schön. Als wäre er nicht mein Arbeitsraum,“ konnte ich mir nicht verkneifen. „Erst bevor du dich hinlegst,“ beschied sie. „Die Arbeiten werden unter der Feuchtigkeit leiden,“ warf ich ein. Sie schloss: „Wenn du lieber ohne bleiben willst. Ich hole meine ab jetzt rein.“

Wir haben einen Nachbar, den ich Professor Ma´dezma  nenne. Er ist um die Fünfundfünfzig und er lebt mit seiner Frau – Mutti sagt er zu ihr – Tür an Tür. Sie sind einer der ersten Mieter hier. Schon damals kam gelegentlich der Professor abends durch den Garten herüber zu mir mit einer Flasche Wein unter dem Arm. Ich war oft noch mitten bei der Arbeit. Er ist Professor für altgriechische Geschichte. Er stammt selbst aus der Gegend von Salamis. Ich hatte keine Vorstellung wo das liegt. Er zeigte es mir auf der Karte und lachte verwegen: „Fünfhundert Jahre vor Christi haben wir euren Xerxes dort fertig gemacht.“ Dann setzten wir uns, um mit dem Wein aus Salamis auf das Wohl unserer Vorväter anzustoßen. Eines Abends fragte ich ihn: „Ist hier bisher schon einmal was geklaut worden?“ Er fragte: „Ist etwas weggekommen?“ „Nicht wirklich,“ sagte ich, „aber wenn man den Tisch und die Klappstühle oder die Fahrräder draußen lässt, wird da auch nichts wegkommen?“ Er sah mich für einen Moment amüsiert an und fragte: „Wieviele waren’s bei euch?“ „Ihr auch?“ fragte ich. „Immer mal wieder,“ sagte er.

Als das erste Mal etwas geklaut worden war, hatten sie die Polizei verständigt. Die hatte alles gründlichst untersucht und vorgeschlagen, eine Anzeige gegen Unbekannt zu erstatten. Alle Mieter aus dem Erdgeschoss hatten sich versammelt und beraten. Der Professor sagte: „Als wir feststellten, dass jeder Kläger jedes einzelne vermisste Stück mit genauer Bezeichnung, Farbe und Größe aufzulisten hat, haben wir auf die Anzeige verzichtet.“ Später kam er noch einmal auf das Thema zurück. „Zuerst hatte das Ganze noch etwas Witziges,“ sagte er, „aber dann hatte ich zum Schluss gar keine mehr.“ „Es gibt doch eine ganz einfache Lösung,“ sagte ich. „Ich kann den klammen Geruch feuchter Wäsche nicht ausstehen,“ sagte er. Er war daraufhin nachts aufgeblieben und hatte auch die Wäscheständer der Nachbarn im Auge behalten. Er sagte: „Das brachte nichts. Ich habe mich allerdings gefragt, was macht der ausgerechnet mit Größen wie der von Mutti und mir?“ Er hatte sich sogar zwischen den Bäumen auf die Lauer gelegt, aber hatte auch das bald aufgegeben. Er sagte: „Willst du das alles auf dich nehmen?“ „Seh ich so aus?“ fragte ich. „Ist doch auch nicht so tragisch,“ sagte ich, „wenn man, wie meine Frau sagt, in Zukunft ohne gehen muss.“ „Derjenige hat anscheinend einen extravaganten Humor und eine besondere Phantasie,“ sagte er. Ich sagte: „Vielleicht ist er ein verhinderter Künstler. Vielleicht verkauft er sie aber auch einfach.“ „Blödsinn,“ sagte er. „Oder er ist ein leidenschaftlicher Sammler,“ schlug ich vor. Der Professor brach in Lachen aus.

Der Diebstahl und die immer lästigeren Aufforderungen meiner Frau, etwas dagegen zu unternehmen, wurden zum Hauptgesprächsthema unserer nächtlichen Sitzungen. Der Professor machte es sich in seinem Klappstuhl, den er sich selbst mitbrachte, unsere Stühle sind nicht auf sein Körpermaß zugeschnitten, gemütlich und produzierte über eine gute Stunde eine Menge Rauch mit seiner Havanna. Er sagte: „Wenn ich der Dieb wäre, würde ich sie alle in meinem Zimmer an die Wand hängen und mit Titeln versehen.“ Es war einer jener Abende, die dazu führten, dass ich den Entschluss fasste, ihm den L-Mann zu schenken. Eine meiner Skulpturen, auf die er seit unserem Einzug ein Auge geworfen hatte.

An jenem Tag, einem regnerischen Sonntag, traf ich ihn vor der Tür, als er gerade Post aus seinem Briefkasten nahm. Ich nahm an, er wäre einer dieser türkischen Dönerbudenbesitzer, die von morgens bis abends mit diesem langen Säbel Fleisch vom Spieß raspeln und in Brottaschen stopfen. Groß, kräftig gebaut, Schnurrbart. Später war er hinter seinem Fenster zu sehen, von dem aus er unsere Schufterei beobachtete. Vielleicht weil es so aus Eimern schüttete, jedenfalls brachte mich das soweit, dass ich ihn am liebsten an beiden Enden seines buschigen Schnauzers gepackt hätte, bis er keine Lust mehr hat, in den Regen hinauszusehen. Erst ganz zum Schluss brachten wir meine Skulpturen herein. Als ich die erste rein trug, tauchte er plötzlich vor mir auf und sagte: „Darf ich Ihnen helfen?“ Ich sagte meiner Frau, wenn jetzt gleich einer zur Tür hereinkommt, erschreck bloß nicht. „Wer?“ fragte sie. Ich sagte: „Ma´dezma.“ „Sehr witzig.“ sagte sie. „Er bietet seine Hilfe an,“ erklärte ich, „der Nachbar von nebenan.“ „Du meinst doch nicht den Professor?“ fragte sie, „der Vermieter hat von so einem erzählt.“ Ich wollte gerade sagen, wie ein Professor sähe er nun wirklich nicht aus, als Ma´dezma mit der Statue des L-Mannes zur Tür herein kam und meine Frau herzlich begrüßte. Es blieb bei dieser Mithilfe. Als ich ihm irgendwann einmal mitteilte, welchen Spitznamen ich ihm gegeben hatte, fragte er: „Und wer ist dieser Ma´dezma?“ „Eine Figur aus einem Märchen aus West-Iran,“ erklärte ich ihm, „so eine Art Frankenstein. Allerdings mit einem Schnurrbart.“ Er hatte sich fast totgelacht.

Der L-Mann ist eine Gipsfigur, die einen schreitenden Mann darstellt. Er trägt einen knöchellangen Umhang. Kopf und Nacken sind abgeknickt exakt im rechten Winkel zu seinem Körper. Professor Ma´dezma  hatte immer wieder gesagt, wie sehr ihm diese Statue gefalle. Ich hatte vor, denn ich wollte nicht kleinlich sein, ihm zumindest eine Büste anzufertigen – mir schwebte eine Kreuzung eines Portraits des Professors und Ma’dezmas vor. Den Entschluss, ihm doch den L-Mann zu schenken, traf ich am Ende der langen gemeinsamen Nacht, als ich Jackie eingeladen hatte, wir könnten uns ja mal zusammen setzen und einen guten Schluck zu uns nehmen und den Professor dazu geholt hatte.

An jenem Abend hatte der Professor einmal nicht bei mir im Wintergarten vorbeigeschaut. Ich ging früh schlafen, wurde bald von wirren Träumen geplagt und hatte schon mehrfach den Entschluss gefasst, aufzustehen und mich in den Wintergarten zu setzen. Endlich tat ich es auch.

Mir war nicht nach arbeiten zu Mute, ich saß einfach im Dunkeln zwischen fertigen und halbfertigen Skulpturen, sah hinaus in den dunklen Garten und versank in schlaftrunkenen Gedanken. Ich hatte vielleicht für einige Minuten so vor mich hingedämmert, als ich eine schlanke männliche Gestalt wahrnahm, die wie selbstverständlich den Garten von dem hinteren schmalen Zugang aus betrat. In der Dunkelheit konnte ich sein Gesicht nicht erkennen, sah aber gleich, dass es ein Fremder war. Gelassen drehte er im Garten eine Runde. Er trug eine Tüte in der Hand und war mit einem langen Mantel bekleidet. Über seine Schulter hing eine Gitarre. Dann trat er näher und presste sein Gesicht an die Scheibe des Wintergartens. Das war der Moment, als ich den Ausdruck seiner Augen wahrnahm und feststellte, das muss er sein. Er hatte verschmitzte, humorvolle Augen. Hinter dem Niederschlag seines Atems war undeutlich ein Gesicht mit einem fürchterlich ungepflegten Bart zu erkennen. Mich hatte er zwischen all den Figuren nicht erkannt. Sein Blick blieb am L-Mann hängen. Er schaute genauer hin und wechselte sogar seinen Standort, um die Statue besser zu betrachten. Er rüttelte probeweise an der einen und an der anderen Türklinke. Er verzog das Gesicht zu einer enttäuschten Grimasse und setzte sich in Bewegung, im Begriff zu gehen. Ich öffnete die Tür und rief: „Was machst du hier?“ Ruhig und bedächtig kam er zurück, betrachtete mich eine Weile. „Ick such Maria. Wohnt hier keene Maria? Ick heeße Jackie.“ Er beugte sich vor und schaute rechts und links an mir vorbei, als hielte sich Maria hinter meinem Rücken versteckt. „Hier wohnt keine Maria,“ sagte ich, „aber vielleicht findet sich ja etwas anderes?“ „Wat möchte dit sein?“ fragte er. „Eine Flasche guten Weins zum Beispiel.“ Er hob seine Tüte und sagte: „Wein vertrag ick nich. Trinksten Bier?“ Ich lud ihn ein in den Wintergarten. Er fragte: „Machste in Antiquitäten?“ Ich sagte: „Setz dich erstmal, ich bin gleich wieder da.“ Ich lief vorne zur Haustür hinaus, klopfte leise am Fenster von Professor Ma’dezma. Ich wusste, dass er einen leichten Schlaf hat. Ich sagte: „Er ist da!“ „Wer?“ fragte er. „Er sitzt im Wintergarten,“ sagte ich, „Komm schnell.“ Er murmelte zustimmend und schloss das Fenster. 

Als der Professor im Garten auftauchte, fragte Jack: „Is dat een Obdachloser?“ Der Professor trug unter dem einen Arm seinen Klappstuhl und unter dem anderen eine Flasche eiskalten Ouzo. Als der Professor den Wintergarten betrat, sah er neugierig zu Jack herüber und sagte lachend: „Gegrüßt sei der unerkannte Satyr zur sommerlichen Mitternacht!“ Jack verbeugte sich sehr förmlich und richtete seine Frage an mich: „Sind der Herr Poet?“ Der Professor verbeugte sich mindestens genauso förmlich: „Keineswegs, mein Lieber, ich bin der Metzger hier in der Gegend.“ Ich stellte ihn als Professor Ma´dezma  vor. Jack fragte mich: „Professor der Metzgerei?“ Ich sagte: „Und das ist Jack. Stimmts, du heißt doch Jack?“ Er sagte: „Sind der Herr Spanier?“ Er sprach den Professor immer noch nicht selbst an, als stünde ihnen nicht die gleiche Sprache zur Verfügung. Ich sagte: „Professor, es scheint, dass Jack einen gehörigen Respekt vor dir hat.“ Der Professor sagte sehr ernst und verärgert: „Satyr, vor mir muss man keine Angst haben.“ Ich sagte: „Er heißt Jack.“ Jack nickte. Der Professor sagte: „Mein lieber Satyr, wem sollte ich wohl das Fürchten lehren?“ Jack griff in die Tüte, holte ein Bier heraus und öffnete es mit einem Zischen: „Vor wem soll ick mir fürchten? Ick hab keen Bammel vorm Metzger.“ Der Professor sagte zu ihm: „Siehst du? Dieser Bildhauer hat sich das selbst ausgedacht. Überhaupt haben alle Künstler eine Schraube locker. Bei dir sind es anscheinend ein paar mehr.“ Jack nahm mir das Glas Ouzo aus der Hand, kippte es mit einem „Prost“ und ohne auf uns zu warten in einem Zug hinunter und sagte: „Meenste mir? N’ Künstler?“ Und als er bemerkte, dass der Professor, mit der Zigarre auf die Gitarre auf seinem Rücken zeigte, kicherte er: „Na ab und zu in der U-Bahn. Aber auch nur im Sommer.“ Der Professor goss ihm ein und sagte: „Um diese Zeit fährt längst keine Bahn mehr.“ Jackie kippte auch den nächsten. „Ick such Maria. Kennse se vielleicht?“ Mit einer nachdenklichen Miene fragte der Professor: „Welche Maria?“ Die Finger über die Saiten streichend sagte Jack: „Maria eben,“ und formte mit seinen Händen zwei recht große Brüste. Der Professor schnalzte mit den Fingern: „Ach du meinst die, die jeden Tag einen Schlüpfer in einer anderen Farbe trägt?“ Jack sah mich überrascht an. Als sprächen sie tatsächlich jeder eine andere Sprache. Ich sagte: „Bis sich der Professor nicht mehrere genehmigt hat, hat er noch nicht alle beisammen,“ und an den Professor gewandt: „Metzger bist du also, den Jackie hier nennst du Satyr, Maria kennst du auch nur von ihren Schlüpfern her,“ und stieß mit ihm an. Sein Gesicht blieb unverändert ernst. Ich begriff nicht worauf er hinaus wollte.

Wir hatten die Hälfte der Flasche geleert. Noch immer war sie milchig beschlagen. Ich sagte: „Also Jackie, du hast immer noch nicht gesagt, was du eigentlich machst. Wohnst du hier in der Gegend?“ Jackie trank einen Schluck Bier und sagte: „Haste allet selber jemacht?“ Der Professor stieß eine Rauchwolke aus. „Satyr, du glaubst doch nicht, dass er dazu überhaupt in der Lage ist.“ „Ick denke, er is´n Trödler,“ sagte Jack und zeigte auf den L-Mann. „Jibtet Leute die für sowat Jeld ausjebn?“ Der Professor sagte: „Den hat er von jemandem geerbt, der fürchtete, er werde irgendwann sein Ding verlieren.“ Jack lachte und zeigte seine kariösen Zähne. „Der kannte sicher ooch so eene Maria.“ Ich sagte: „Lass doch mal Maria aus dem Spiel.“ Der Professor sagte: „Satyr, geh diesem Bildhauer nicht auf dem Leim. Er will dich loswerden, weil er es selbst auf sie abgesehen hat.“ Jackie lachte, nahm seinen Ouzo mit zwei Fingern: „Prost, uff dat Wohl meines Weibes Maria. Ach, Maria.“ Und trank. Auch der Professor trank auf Marias Wohl. Ich sagte: „Dann treibst du dich also nachts hier so herum, was Jackie?“ Der Professor sagte: „Erzähl mal von den Dingelchen, du weißt schon. Du hast so ein hochinteressantes Hobby, Satyr, ist ja kaum zu glauben!“ Jackie sah mich erneut an und sagte: „Der Herr Metzger scheint mir janz schön anjedudelt.“ „Ach was,“ sagte ich, „der kann was vertragen.“ Er fragte: „Wat redet er dann son Stuss?“ Ich fragte: „Professor Ma´dezma, was willst du eigentlich damit sagen?“ Er sagte: „Weißt du mein lieber Bildhauer, ich habe mir vorgenommen, wenn ich nicht gewissen Leuten das Handwerk legen kann, habe ich lieber gar keine mehr.“ „Keene wat, keene Frau?“ fragte Jack, “bis dahin willste keene Frau haben? Bravo. Ick sach ja, det lohnt den janzen Umstand nich.“ Der Professor stand plötzlich auf und ließ demonstrativ seine Pyjamahosen herab. Ein kleines dunkles Etwas schaute aus dem Busch weißer Haare heraus. So wie wir drauf gafften schien sich der Professor Sorgen zu machen und beugte sich vor, um sein Geschlecht in Augenschein zu nehmen. Woraufhin ich für einen Moment, für einen kurzen Moment den L-Mann leibhaftig vor mir sah. Er zog sich die Hosen hoch. Jack sagte: „Dieser Metzger hat keene Maniern, Herr Bildhauer.“ Ich sagte: „Kümmer dich nicht drum, trink noch einen.“ Er kippte den nächsten. Er war uns immer um zwei Gläser voraus. Der Professor machte auf betrunken. Jack sagte: „Jetze muss ick euch wat zum Besten jeben.“ Sein Gesang war grauenhaft. Ich sage sicher nichts Falsches wenn ich behaupte, dass einzige, was an ihm in irgendeiner Weise attraktiv war, waren seine sinnlichen Augen und sein kühner Blick. Ich sagte: „Jackie, du hast eine Stimme wie eine Nachtigall. Aber es ist schon spät. Meine Frau schläft.“ Der Professor: „Wenn du mal eine Frau hättest.“ Jackie, wie aus der Pistole geschossen: „Er hat eene.“ Der Professor schob seinen massigen Körper nach vorne und schlug ihm mit Wucht auf den Schenkel, dass Jackie zusammenzuckte. “Satyr, du gefällst mir! Du hast was drauf. Aber dieser Bildhauer hier lügt wie gedruckt. Wer will denn schon einen, der solche Dinger hier produziert? Du und ich, wir zwei Gentlemen sind mit Phantasie gesegnet. Aber der da,“ und machte eine wegwerfende Geste. Jackie bekam es mit der Angst. Er rieb sich das Bein und sagte: „Dann hatta eben keene.“ Der Professor sagte: „Ich hab auch keine. Ich hab genug Hobbies. Dazu noch ne Frau? Vergiss es.“ und machte wieder die gleiche wegwerfende Geste. „Hast du ne Ahnung, womit ich mir die Zeit vertreibe?“ Ich sagte: „Mit Schlachten. Ab und zu geht er in die Uni und zerlegt altertümliche Leichen. Deshalb nennt man ihn auch den Professor.“ Der Professor sah missbilligend zu mir herüber und sagte zu Jack: „Quatsch. Ich bin Metzger. Aber rate mal was mein Hobby ist. Rate mal, Satyr.“ Jackie zuckte mit den Schultern und sah ohne viel Interesse in den dunklen Garten hinaus. Der Professor griff sich eine von den leeren Bierdosen vor Jacks Füßen und umschloss sie mit der Faust. „Du kommst nicht drauf? Gut, dann will ich dir mal auf die Sprünge helfen. Da ist jemand, der sich gelegentlich an meinen Sachen vergreift.“ Jackie fragte freundlich: „Meenste den Bildhauer?“ Der Professor sagte: „Was redest du, Mann. Der ist doch mein Kumpel,“ und zerdrückte die Dose in seiner Faust. „Aber ich sage dir, wenn ich den erwische, den zerleg ich. Glaub mir, Satyr. Warum glaubst du mir nicht, Satyr?“ Und zog eine so gefährliche Miene, dass ich befürchtete, Jackie würde gleich vor Angst umkippen. Ich sagte: „Geschätzter Ma´dezma, dieser Satyr…“ Der Professor grummelte: „Jackie.“ Ich begann erneut: „Auch gut, dieser Satyr namens Jackie – .“ und sah wie der Satyr nervös die Schultern bewegte, sich mit die Nase kratzte und einmal kräftig hochzog worauf ich vergaß was ich sagen wollte und überlegte, ob Ma’dezmas verworrenen Sätze ihn nun endgültig zur Weißglut gebracht haben. Ich sagte: „Sing lieber noch was. Nur nicht so laut, ich möchte dich in der Zwischenzeit skizzieren,“ und holte Zeichenbrett und Kohlestift. Er sagte: „Und wat sollet werden wennet fertich is?“ „Vielleicht mache ich eine Büste von dir.“ „Um se zu verkloppen?“ fragte er. „Wenn du willst kannst du sie später haben,“ sagte ich. „Und wo soll ick se mir wohl hinstellen?“ fragte er. Der Professor mischte sich ein: „Zu all deinem anderen Krempel. Am Besten stellst du es zwischen all diesen Dingelchen auf.“ und machte noch einmal die gleiche abfällige Handbewegung von vorhin. Satyr Jackie sagte: „Ick habe keene Ahnung wovon er spricht, Herr Trödler. Sag ihm er soll sich nich mit mir anlegen.“ Ich sah, dass der Professor sich daraufhin zurückhielt. Nicht weil er etwa von Jackies Äußerung beeindruckt war. Er hatte plötzlich das Interesse am Gespräch mit seinem Satyr verloren. Der Ouzo hatte auch den endlich geschafft. Jack stand auf und ging mit einem holprigen Gruß. Erst nachdem er die Tür geöffnet hatte, merkte ich, was für ein unangenehmer Geruch die ganze Zeit von unserem Satyr Jackie ausgegangen war.

*  *  *  *  *

Der Professor sagte: „Was sagts du nun? Diese modernen Satyre haben nicht einen Funken Sinnlichkeit.“ Ich sagte: „Was war das überhaupt mit dem Metzger?“ Er sagte: „Du kannst mal davon ausgehen, dass ich ihm Angst einjagen wollte.“ „Woher weißt du, dass er es war?“ Er sagte: „Er ist es. Oder vielleicht ist er es nicht. Aber als er vor mir stand, hatte mich sein Satyrhaftes Aussehen sofort ergriffen. Ich dachte mir, das ist eine gute Gelegenheit, um herauszufinden, wie Satyre heutzutage so drauf sind. Aber er hatte weder diesen Schweif noch Ohren auch nicht die Hörner eines Ziegenbocks. Sah überhaupt nicht aus, wie die Sartyre der Vergangenheit. Er war nur irgend so ein blöder Mistkerl.“ Ich sagte: „Du hast ihm aber mächtig Angst eingejagt. Wenn er es selber war, dann ist unsere Unterwäsche ab jetzt sicher.“ Er sagte: „Und du willst ihn deswegen als Dankeschön eine Büste anfertigen.“ Wieder diese abfällige Geste. Ich sagte: „Glaubst du, dass ich es nötig habe, nach Modell zu arbeiten? Komm, leg dich schlafen. Kannst auch gleich den L-Mann mitnehmen.“ Überrascht sah er mich an: „Was soll das heißen – mitnehmen – einfach so?“ Ich sagte: „Er gehört dir. Ich schenke ihn dir.“ Er sagte: „Und warum hast du ihn mir dann nicht schon früher gegeben?“ Ich sagte: „Glaubst du, ich habe Lust ihn mir noch länger anzuschauen, wie er nach seinem Ding sucht? Los nimm ihn mit.“ Er sah in Richtung der Skulptur. Er betrachtete sie gedankenverloren, nahm sie dann unter den Arm, und während er auf seinen Stuhl wies, damit ich ihn ihm unter den anderen Arm schöbe, sagte er: „Jetzt wo er mir gehört, will ich ihn G-Mann nennen.“ Ich sagte: „Umgekehrtes L.“ „Nein,“ sagte er, „G wie Griechisch Gamma,“ und ging. Der Kopf der Skulptur wies nach unten, wie ein L richtig herum.

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