. Das Erzählband „Der Mann unter dem Baum auf der Straßenseite gegenüber“ wurde im Jahr 2006 für das beste Erzählband des Jahres in Iran, von „Golshiri Fundation“ nominiert. „Dora….“ ist eine Erzählung von dem Buch.
. Aus dem Persischen von Ruth Masuch
Zitat Dora: „Picasso? Ein Parfüm, das ich ganz besonders liebe!“
Riva, Doras Schwester, sieht in Dora eine unabhängige Frau, die auf ihren eigenen Füßen steht. Sie sagt es so, dass es Dora auch ja mitbekommt und fügt hinzu: „Unter uns Schwestern sieht Dora der Mutter am meisten ähnlich.“ In ihrem Testament hatte die Mutter verfügt, dass das wertvolle, mit Diamanten besetzte Halsband, auf das nicht nur Riva einen Blick geworfen hatte[2], Dora gegeben werde. Vielleicht aber entstammt dies so nur Rivas Erinnerung. Die Mutter hatte immer gerne betont, wie sehr Dora ihr gleiche. Das alte schwarz-weiß Foto, es stammt noch aus den Zwanzigern, eine dieser arrangierten Studioaufnahmen der frühen sowjetischen Zeit, zeigt die Mutter als eine große und kräftig gebaute Person. Dora daneben schmal und zierlich. Mit der Mutter, teilte Dora schon immer die gleiche Sorge um ihre Lieben.[3] Und wie heute Dora und ihre vierzehnjährige Tochter Darja, waren sie und die Mutter unzertrennlich. Dora hatte noch lange darauf bestanden, sich von der Mutter waschen zu lassen und schlief, bis zu ihrer Hochzeit, nicht eine Nacht getrennt von ihr. Auch das Gefühl der Mutter, in der Fremde zu sein, findet sich in Doras Blicken wieder.[4] Es war, als setzte sich etwas fort, als Doras Tochter Darja nach acht Monaten behindert zur Welt kam, die Ärzte nur wenig Hoffnung hatten, dass sie am Leben bleiben wird, wie sie so in der Intensivstation, im Brutkasten lag und Dora, in einem tiefen Gefühl der Ohnmacht, sich ans Fenster schleppte, mit der Absicht sich hinabzustürzen und im letzten Moment die Mutter dazu kam und dies verhindern konnte. Vielleicht war es auch dieser Vorfall, der die beiden in den Augen der anderen zu einer Person verschmelzen ließ. Oder schlicht der Anblick des Vaters, wie er Dora beobachtet, wenn sie so da sitzt, den Kopf in die Hände gestützt, ihre rehbraunen Augen auf einen fernen Punkt gerichtet und es ihm das Wasser in die Augen treibt in Erinnerung an seine verstorbene Frau.[5] Vielleicht auch ein Grund, der Dora von den anderen Schwestern abhebt. Dora nimmt gelegentlich einen Zahnstocher zwischen die Zähne und kaut mit übermütig erhobenem Kopf darauf herum, exakt wie es der einzige Bruder tat, der, fünf Jahre ist es jetzt her, plötzlich und unerwartet, einen Schlaganfall erlitt und starb, ein Bild, das ganz besonders Riva noch oft vor Augen ist. Vielleicht auch ein Grund warum Riva Dora für außergewöhnlich erklärt [6] und dies auch so empfindet wenn sie beisammen sind. Weil sie sie immer in ihrer Nähe weiß, überlässt Riva sich seelenruhig ihrem Schicksal, mag da kommen was will. Am Wochenende verspürt Riva oft große Lust abends auszugehen, eine Art nicht zu unterdrückendes Verlangen sich zu Amüsieren. Eines der Vermächtnisse ihrer Jahre in den USA, neben den zwei Töchtern und ihrem einzigartigen Englisch. Die Größere war kaum Zwanzig als Riva sich entschlossen hatte, zurückzugehen nach Deutschland und schwor Stein und Bein, nicht mitzukommen. Sie heiratete und hatte einen Grund zu bleiben als Riva mit der Kleinen, damals erst zwei Jahre, zurückkehrte, um dem Vater nahe zu sein und damit auch zurückkehrte zu ihren drei Schwestern.[7] Sie hatte also ein weiteres Mal ihre Koffer gepackt[8], weil sie eines heiteren Frühlingstages gespürt hatte, dass eine Frau um die Vierzig, ohne Partner und ohne Einkommen und einer Menge enttäuschter Passionen, sich mitunter hilflos und schutzbedürftig fühlen kann und man sich, nur so lange man noch jung ist, entsprechenden Beistand von den Männern einfordern kann. Die Mutter war nun nicht mehr, der Bruder tot, der Vater – nun – alt geworden.[9] Raisa hatte es recht gut getroffen, einen Ehemann, das Haus, die Kinder und – ihre Spielothek an der Ecke mit den Spielautomaten. Zhanna, die Jüngste, verdiente in der Zeit schon eigenes Geld, dass für die sechs Tage in der Woche, die sie im Fitness- und im Sonnenstudio verbrachte, drauf ging, dazu die Wochenenden, an denen sie sich in Diskotheken herumtrieb, um sich einen zu angeln, damit nicht der Tag käme, an dem sie sich in der gleichen Lage wiederfände wie Riva, oder wie Raisa oder eben wie Dora.[10] Damit sind wir wieder bei Dora. Deren Person, wenn es auch sonst niemanden gäbe, Riva ausreichte. Vielleicht einer der Gründe warum Riva, freundlich geschätzte Siebenundvierzig, so überaus sorglos üppiges Make-Up aufträgt, die abgestorbenen Brauen mit einem grünen Stift, wenn nicht rabenschwarz, bis hinaus an die Schläfen nachzieht, üppig die Wimpern tuscht, mit dem Lipliner großzügig dem Schwung ihrer Lippen nachhilft, ein Schönheitspflaster setzt im Mundwinkel, ein anderes Mal auf der linken Wange[11] und eingezwängt in eines dieser aus der Mode gekommenen enganliegenden Kleider, in der Diskothek dem Nächstbesten in die Arme fällt, ob einsamer Araber oder Jugoslawe oder was für ein Landsmann auch immer. Und Befriedigung findet an dessen Zudringlichkeit, während derjenige nur danach lechzt sie in eine abgeschiedene Ecke zu lotsen. Fortwährend flüstert sie dem Kerl in gebrochenem Englisch Dinge ins Ohr, was ihn nur noch mehr anstachelt und spürt dabei, unter all den Hundert Augen ringsherum, den Blick zweier sorgenvollen rehbraunen Augen, was sie dazu bringt, sich nur noch vehementer an den Auserwählten heran zu drängen. Dora beschützt sie. Wie die Mutter ihr aus undenkbarer Entfernung Schutz und Halt bot.[12] Besonders gegenüber Riva nimmt Dora die Rolle der Mutter ein. Mit ihrem ovalen Gesicht, der schmalen klassischen Nase, der niedrigen Stirn, dem nicht zu bändigen Haar und dem samtigen Blick ihrer Augen, der Dora schon beim Vater, den Platz der verlorenen Gattin einnehmen ließ. Der Alte war nie ausgeprägt religiös. Seine Kindheit und Jugend verbrachte er in der gottlosen Sowjetunion und hätte seine Frau ihm nicht ständig in den Ohren gelegen und man nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und den Säuberungen nicht genug Grund zur Emigration gehabt, hätte er weiter im Derbent der Zweiundsiebzig Völker gelebt, im schmalen Küstenstreifen zwischen dem Kaukasus und dem Kaspischen Meer und hätte den Wiegenliedern seiner Frau gelauscht, wenn sie abends in bezaubernd altmodischem Persisch die Kinder und später die Enkelkinder in den Schlaf singt[13]. Der Vater verlässt sich schon seit einiger Zeit vollständig auf Dora. Dafür hilft er ihr aus Notlagen mit allem was er besitzt, was im Grunde nicht mehr ist als ein schwacher Abklatsch dessen, was das Leben der jüdischen Emigranten ausmacht, die in den letzten Jahren gekommen sind und sich in der besten Gegend Berlins angesiedelt haben. Er hat ihr immer versichert, sollte es ihr jemals schlecht gehen und sie irgendwann nicht mehr zurecht kommen, könne sie gewiss sein, dass er rechtzeitig einspringen werde. Mit welcher Summe auch immer, nicht als Leihgabe, schließlich wäre da noch ihr Erbanteil. Oft nimmt sich Dora einfach Zeit und hört ihm zu. Tröstet ihn wenn er krank ist – was in letzter Zeit häufig der Fall ist. Dann holt sie ihn zu sich nachhause und verspricht ihm, eines Tages eine größere Wohnung zu mieten. Er werde dann zu ihr ziehen und sie werden für einander da sein. „Wenn Dora nicht wäre“, ist einer der häufigen Sätze des Vaters. Das wird es auch sein, was Doras Chef oft denkt, auch wenn er es so nicht zur Sprache bringt[14]. Sein Restaurant liefe ohne Dora einfach nicht. Er selbst lässt sich dort nur sporadisch blicken. Jeden Abend bezieht dagegen Dora hinter der breiten Theke Stellung, sozusagen als Kommandeur der Truppe. Sie ist es, die am Ende des Abends, oft nach Eins, die Kellner und Köche in den Feierabend entlässt, Kasse macht, abschließt und, sie bevorzugt die preiswerte Variante, zu Fuß nachhause geht. Der Inhaber des Restaurants weiß, dass er in Dora eine der zuverlässigsten Angestellten hat, der man habhaft werden kann, auch, weil sie unter allen Mitarbeitern die wenigsten Umstände bereitet. Anders als die Köche oder Kellner macht sie sich nichts aus freien Tagen und fordert niemals höheren Lohn. Ihre Kollegen gesellen sich, solange am Abend noch nicht viel los ist, gerne zu ihr an die Theke und beteuern regelmäßig, dass sie, wenn Dora nicht wäre, schon lange nicht mehr dort arbeiten würden. Und schwören, sollte Dora kündigen, werden sie komplett hinschmeißen. Auch sie sagen, Dora sei ihnen wie eine Mutter. Es hat schon etwas Furchteinflößendes, geradezu Gefährliches so ernst wie sie ihre Arbeit nimmt. Sie herrscht über das Lokal und die Belegschaft wie eine Megäre. Letztlich ist ihre Anwesenheit der Garant, dass jede noch so kleine oder große Katastrophe wieder ins Lot kommt.[15] Vielleicht spürt Doras vierzehnjährige Tochter eine ähnliche Gewissheit. Sie gleicht Dora aufs Haar, ihre Nase ist ebenso schmal und scharfgeschnitten. Sie ist sich ganz sicher, dass sie niemals ohne ihre Mutter sein will. Oft überfällt sie unvermittelt, während sie sich mit ihren Tanten plappernd unterhält,[16] oder fernsieht, während Dora mit Nähen beschäftigt -, oder dabei ist, Bett- und Unterwäsche wie früher durchzukochen oder selbst mitten im Schlaf, ein außergewöhnliches Gefühl der Schutzlosigkeit. Dann muss sie aufspringen und wie ein verlassenes Kätzchen nach ihrer Mutter rufen. Doch dann reicht Doras Anwesenheit aus und das Mädchen fällt zurück in kindlichen Gleichmut. Sie kann es nicht erklären, aber sie will sie einfach immer um sich haben. Dora, die manche auch Sofia nennen[17] oder Kleopatra. Doras Portrait vor einem Hintergrund ägyptischer Motive stammt von Doras Onkel, einem Hobbymaler. Jedem dem der Onkel dieses Bild vorführt, erklärt er, dass ihm ein Mannequin Modell gesessen hat und verweist auf das Zusammenspiel russischer, jüdischer und asiatischer Schönheit. Eine raffinierte Harmonie kultivierter Wildheit. Er meint, in diesem Gesicht das Verschmelzen verschiedener Epochen zu erkennen. Den Onkel bekümmert, dass Dora noch immer alleine ist, sie in ihrem Leben nichts erreicht hat, lebe wie eine Nonne. Nur ein Zwinkern von ihr reiche doch aus und sie könne hundert Männern den Kopf verdrehen. Dora liegt nichts daran. Meist senkt sie nach einem ersten schnellen Blickkontakt sofort die Augen. Ihre hohen Wangenknochen verstärken ihre leidenschaftliche Ausstrahlung und die vollen karmesinroten Lippen suggerieren ihrem Gegenüber den Wunsch nach einem langanhaltenden Kuss. Sie sucht die Nähe zum männlichen Geschlecht und entfacht unversehens in jedem, zumindest für einen kurzen Moment, die Idee, sie zu verführen.[18] Brenzlig wird es, wenn sich in der Diskothek Männer wie Motten um sie scharen, bis einer von ihnen außer sich gerät und bis er sich wieder unter Kontrolle hat, verstört ablässt und geht, und erkennt, dass diese Grazie und der Zauber dieser aufleuchtenden Blicke ausreichen, ein Leben zu erschüttern. Gerne lässt sie sich von dem einen zum Kaffee einladen und von dem anderen zum Abendessen ausführen. Immerhin ist sie eine Frau und es steht ihr zu. Sie hält es für selbstverständlich, wenn man sich nur vor eifersüchtigen und tratschenden Frauen hütet. Denen sie genau genommen keinen Anlass bietet. Seit ihr Ehemann sie damals so schwer getreten hatte und Asieh daher zu früh geboren wurde, sie das gemeinsame Haus verlassen hatte, einen Lebensabschnitt, der seitdem dem Elend der früheren Jahre zuzählt und den traurigen Erinnerungen an die im Krieg Getöteten, gab es niemanden, mit dem sie sich hätte einlassen wollen. Sie verschenkt gerne ihr Lächeln, durchaus verführerisch. Mancher ihrer Blicke geben ihrem Gegenüber Anlass, sich ernste Hoffnungen zu machen. Aber dadurch fühlt sich Dora nicht verpflichtet. Sie ist noch so bezaubernd jung.[19] Unter den Männern in ihrer Umgebung, immerhin hat es nicht jeder nur auf das eine abgesehen, hätte jemand dabei sein können, wenn Dora nicht –. Raisa, die Älteste, bringt es auf ihre Art auf den Punkt. In ihrem Alter kann sie sich, gemäß ungeschriebenen Gesetzes, erlauben, das zur Sprache zu bringen, was aus dem Munde einer Jüngeren schlichtweg unverschämt wäre. „Sieh mich an, Dora. Was besitze ich schon? Ich hatte so viele. War nie sehr wählerisch. Was ist mir davon geblieben? Rein gar nichts.“[20] Raisa hält Dora für dumm. Dumm ist vielleicht nicht das richtige Wort. Sie ist und bleibt einfach die kleine Doroschka. Sie nimmt das Leben nicht ernst genug. Das macht Raisa nervös und sobald sie einen Mann an Doras Seite sieht, nimmt sie ihn bei nächster Gelegenheit beiseite, spricht mit einer gewissen Weltgewandtheit, dann von Doras Naivität, ballt die Linke zur Faust, schlägt darauf mit der blanken Rechten und drängt: „Sie ist viel zu keusch für ihr Alter. Diese Dame hat man es einmal dringend nötig.“ Mit einer Tonlage, als wäre es ein unaussprechbares Geheimnis. Sie hält es für einen Witz, dass Dora nichts für Männer übrig hat, und erklärt Dora für verrückt, wenn sie annähme, es gäbe genügend Auswahl. Diese Haltung werde ihr noch Schwierigkeiten bereiten. Natürlich äußert sie sich so weder Riva noch Zhanna gegenüber, erst recht darf es Dora nie zu Ohren kommen. Sie wäre schockiert und in der Lage, Raisa die Tür zu weisen. Stattdessen schmeichelt ihr Raisa wann immer es geht als Mamuschka. Zu guter Letzt bleibt Dora ihrer aller Mamuschka. Für den alten Vater wie auch für die Schwestern ist Dora in dieser Rolle lebenswichtig. Unter den Juden geht ein Sprichwort, das besagt, das jüngste Kind ist der Genius der Familie.[21] Damit steht fest, dass es an Dora ist, alles im Griff zu behalten. Sie muss standhaft bleiben, kann aber gewiss sein, dass am Ende alles eines Tages in Ordnung kommen wird. Dora selbst ist mit aller Kraft davon überzeugt. Dora, dreißig Jahre, Jüdin, Kaukasierin.
[1]Originalüberschrift: Dora: eine dreißigjährige, jüdische Frau aus dem Kaukasus
[2] Das betrifft vor allem Zhanna, die Jüngste. Raisa, die Älteste hatte damals kund getan, so etwas käme ihr niemals über die Lippen. Zhanna bringt es immer noch fertig zu behaupten, es habe Dora nicht zugestanden: „Mutter hat es ausgenutzt, dass ich ein Kind war und von solchen Dingen nichts verstand.“
[3] Ergibt sich eine Gelegenheit fügt Riva hinzu: „Genau wie sie immer gleich auf Hundert und mit dem gleichen nervösen Temperament“, und fährt wie so oft auf Englisch fort: „by the way – a boaster.“
[4] Die Familie mütterlicherseits stammt von iranischen Juden ab, die Ende der Zarenzeit aus dem Iran in das russische Kaiserreich eingewandert waren.
[5] Raisa platzt dazwischen: „Der alte Sturrkopf. Lässt seine Kinder leiden und kümmert sich einen Dreck.“ „Bösartig und schlecht gelaunt,“ fügt Zhanna hinzu „das war er schon immer.“ Dora presst zwischen den Zähnen hervor: „Er ist eben ein Mann. Vielleicht hat Mutter genau deswegen den Schlaganfall bekommen.“ Riva hat dazu keine Meinung.
[6] Zhanna lässt ihre kleine Tochter auf ihrem Schoß auf und nieder hüpfen: „Sie hier ist aber auch etwas ganz Besonderes, eine Prinzessin, eine kleine Pianistin, eine Ballerina, ein Genie ist mein Mädchen!“
[7] Der Vater dieses Mädchens war Rivas dritter Ehemann, ein junger Arzt ebenfalls Jude. Ein Russe. Zehn Jahre jünger als Riva. Wenn sie sein Foto herumzeigt sagt sie gerne in dem ihr eigenen Sprachgemisch: „Meine Ehemänner waren immer jünger als ich“. Raisa kontert: „Das ist auch der Grund, warum du jetzt allein bist.“ Riva wartet einen Moment, damit es nicht jeder mitbekommt und sagt: „Aber ich weiß noch immer, wie ich an sie rankomme. Nicht wie andere, die meinen, sie seien Schönheitsköniginnen und man käme ihnen aus Timbuktu bis hierher nachgelaufen.“
[8] Unter allen dazu gehörenden Erniedrigungen dieser Jahre, gelang es 1975 für die gesamte Familie, trotz des Ausreiseverbots für auswanderungswillige Juden, von den sowjetischen Behörden die Ausreisegenehmigung zu erhalten.
[9] Seitdem urteilt Raisa anders. Im Verlauf dieses Gesprächs versucht sie ihn zu verteidigen: „Ein Vater, der seinen Sohn zu Grabe trägt und selbst weiterlebt, wie kann er noch Oberhaupt der Familie sein.“
[10] Schlussendlich hat sie einen Türken abbekommen, ein Mann von der Sorte, der etwas anpacken kann und vor allem ans Geld verdienen denkt. Er arbeitet auf Montage, drei Tage ist er maximal zuhause bevor er wieder für drei Wochen unterwegs ist.
[11] Raisa behauptet, Riva ist die Amerikanerin unter ihnen.
[12] „Die beiden haben jede Woche mindestens eine Stunde miteinander telefoniert“, sagt Raisa. Riva ergänzt: „Die Ärmste, nun lebt sie nicht mehr. Nie hat sie geglaubt, sogar als ich selbst Mutter geworden war, das ich erwachsen – und kein dummes Kind mehr bin.“
[13] In ihrer hebräisch geführten Unterhaltung fallen alte persische Ausdrücke. Das einzige, das sie auf modernem Farsi unter lautem Lachen sagen können ist: „Hal-e shoma cheh toreh – Wie geht es Ihnen?“
[14] Der Inhaber ist Italiener, seine Frau Deutsche, sie gelten als eines der findigsten Unternehmerehepaare in ganz Deutschland.
[15] „How annoying!“ findet Riva die Vorstellung von dieser Dora, fährt kurz darauf ihre Tochter an, den Fernseher abzustellen und endlich anzufangen, Mathe zu üben.
[16] Manchmal macht sie Raisa nach und gestikuliert beim Sprechen wild herum. Ein anderes Mal ist sie Riva, richtet ihren Blick gelassen durch eine imaginäre Raisa hindurch und spricht mit ausgesuchten, gewählten Worten. Und manchmal ist sie Zhanna, mit ihrem typischen lauten Lachen und platzt heraus: „Mutter? Was ist mit Mutter?“
[17] Vor Jahren hatte eine Nachbarin sie so genannt. Doras Augen leuchten auf, so oft sie sich daran erinnert.
[18] Während in der Beziehung zu Frauen immer eine besondere Zurückhaltung an den Tag legt.
[19] Während ihr Riva dieses Kompliment ausspricht, muss Riva an Doras Zukunft denken. Sie wird nicht immer so attraktiv bleiben. Dora allerdings schert das nicht.
[20] Daraufhin hebt sich ihre Stimme und sie beginnt auf Russisch und Hebräisch auf den Vater zu fluchen, der auf einer Truhe voll Geld hocke und selbst wenn es Not tue, seinen Kindern nicht zur Seite steht.
[21] Auch wenn Zhanna jünger ist, gilt Dora aufgrund ihres Wesens als die Jüngste unter den Schwestern.
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