Cornelius Wüllenkemper: „Das Gewicht der anderen“
Von Cornelius Wüllenkemper Deutschlandfunk, Büchermarkt, 27.10.2025
Der seit vielen Jahren in Berlin lebende Theatermacher und Autor Bahram Moradi war Anfang der 1980er Jahre zwei Jahre lang in iranischer Haft, floh nach Deutschland und hat seine Erfahrungen nun zur Grundlage seines ersten Romans gemacht. „Das Gewicht der anderen“ ist die tiefenpsychologische Selbsterkundung eines Traumatisierten.
Die Leidensgeschichte des Peyman Bamschad beginnt, als er dreizehn Jahre alt ist. Als der Junge in Maschad, einer im Nordosten des Iran gelegenen Pilgerstätte, 1981 zufällig Zeuge eines Attentats gegen die islamische Geheimpolizei wird, gerät er in die Fänge des Regimes. Peyman wird abgeführt, verhört und schließlich in eine Zelle mit weiteren politischen Gefangenen in einem ehemaligen Gymnasium verfrachtet. „Aus dem Gymnasium hatten sie eine Untersuchungshaftanstalt gemacht, aus den Klassenzimmern Zellen, aus dem Labor eine Folterkammer und der Tyrannei und dem globalen Imperialismus damit einen ordentlichen Kinnhaken verpasst, ein für alle Mal. Da gab es Kinder, die während der Zeit der Tyrannei in diesen Klassenräumen gesessen hatten, damit in der Zukunft etwas aus ihnen werde, und aus denen jetzt etwas geworden war: konterrevolutionäre Heuchler, ungläubige Feinde des Islam.“ Mit seinen dreizehn Jahren bereits lernt Peyman eine Welt kennen, in der der Mensch und seine Würde nichts, die Willkür und totale Macht des Staates dagegen alles zählen. Oft basieren die Verhaftungen auf reiner Willkür – wie etwa im Fall des gutmütigen Mirnedschat, der Duftfläschchen auf der Straße am berühmten Mausoleum des Imam-Reza verkaufte und den Neid anderer Händler erregte, die ihn bei der Geheimpolizei verleumdeten.
Delirierende Satzkaskaden bis hin zur Wirklichkeitsdissoziation
Andere Häftlinge gehören vermeintlich oder auch tatsächlich der Opposition an, wobei es keine Rolle spielt, ob sie sich wirklich etwas zu Schulden kommen ließen, solange sie nur ein Geständnis ablegen und dem Regime die Treue schwören. Auch Peyman gilt nun als Feind der islamischen Republik, denn er wird mit seinem älteren Bruder Pirouz verwechselt, der sich in einer linksrevolutionären Gruppierung engagiert. Welche Haftstationen Peyman durchläuft, ist zunächst nicht einfach zu rekapitulieren, denn sein rückblickender Bericht ist geprägt von Perspektiv-, Zeit- und Ortswechseln, von Assoziationen und zuweilen geradezu delirierenden Satzkaskaden bis hin zur Wirklichkeitsdissoziation. Im bereits damals berüchtigten, jüngst von Israel bombardierten Evin-Gefängnis in Teheran wird er schließlich in einem Sarkophag-ähnlichen Holzkasten fixiert, wobei jede Bewegung und Geräuscherzeugung mit Schlägen bestraft wird. Als man ihn erneut zum Verhör führt, imaginiert Peyman seinen Verhörer als den Box-Champion Mohammad Ali und sich selbst als einen bellenden Hund. „Einer packt mich unter den Armen, setzt den Hundsmann an den Tisch, das geht doch nicht zusammen mit dem Boxring und Mohammad Ali Clay von gestern – OuawOuaw – heißt das, sie haben den Verhörer gewechselt, das ist nicht seine Schicht, er ist auf Urlaub, hatte einen Unfall? Oder haben sie etwa den Boxsack gewechselt? Peyman Bamschad ausgewechselt? Ausgetauscht, um, um, … um was mit ihm zu machen? Vielleicht haben sie begriffen, dass ich nichts weiter bin als ein kläffender Köter, dass es ein grundsätzlich-fundamental-wesentlicher Fehler gewesen ist, jemanden K.O. schlagen zu lassen, der von Anfang an ein Falschgriff war, der hier nichts zu suchen hat, und jetzt darüber wahnsinnig geworden ist und nur noch bellt.“ Trotz der Selbstentfremdung und gezielten Entmenschlichung der Häftlinge gelingt es Peyman und seinen Mithäftlingen zuweilen, sich in die Erinnerung an das Leben jenseits der Mauern zu flüchten oder in ein ironisches Lachen über die Absurdität der Gefängniswirklichkeit, in der niemand wissen kann, ober er „horizontal“ oder „vertikal“ entlassen wird, ob er „Lebeslang plus zehn Jahre“ erhält oder zur Todesstrafe verurteilt, ob er begnadigt oder hingerichtet wird.
Auf den Gefängnisalbtraum folgt ein böses Erwachen zu Hause
Hilfe von außen kann Peyman in diesem System der totalen Rechtlosigkeit nicht erwarten, denn seine Eltern können ihn aufgrund der Verwechslung mit seinem Bruder Pirouz nicht finden und wollen als folgsame Bürger zudem keinen Konflikt mit dem Regime riskieren. Als Peyman nach zwei Monaten zeitweise entlassen wird, folgt auf den Gefängnisalbtraum ein böses Erwachen zu Hause. „Und dann ist er plötzlich wieder da, mein Bruder. (…) Vor Gesundheit strotzend, aufrecht und ansehnlich, mit einem Pfund Vollbart und sauber gestutzten Stoppeln über der Oberlippe, vom Fasten ausgedörrten Lippen und Augen versteckt hinter einer dicken Hornbrille, Augen mit einem Blick, als sei er nach jahrelangem Schlaf gerade aufgewacht – sitzt mir gegenüber und will, … ja, was will er? Zuallererst will er, dass ich ihn just ab diesem Moment Rahmat nenne, zweitens, dass ich Reue zeige und mich auf den rechten Pfad begebe. Reue? Rechter Pfad? Scheiße, Pirouz, soll das dein Ernst sein?“ Rettung ist für Bahram Moradis jugendlichen Protagonisten Peyman trotz der überraschenden religiösen Bekehrung seines eben noch politisierten Bruders nicht in Sicht. Wenig später wird er erneut vom Haftsystem des Mullah-Regimes verschluckt und irgendwann wieder ausgespuckt.
Literatur als Medium tiefenpsychologischer Selbsterkundung
Jahrzehnte später bringt er seine Erlebnisse zu Papier, seelisch zerrüttet und abgeschottet von der Außenwelt im Keller seines Elternhauses. Der Autor Bahram Moradi, der im Iran als Theatermacher Erfolge feierte und sich auch politisch engagierte, war ab 1982 ebenfalls in Haft und bezeichnet sein jetzt vorliegendes Romandebüt als Selbsttherapie. „Das Gewicht der anderen“ ist folglich keine kohärente Geschichte sondern gleicht eher dem assoziativen Tableau einer Traumatisierung durch die Gewaltexzesse eines Unrechtsregimes. Es zeigt einen Menschen, dem man Hoffnung, Vertrauen und Zuversicht ausgetrieben hat und der sein Leben auch Jahrzehnte später als undurchdringlichen Albtraum empfindet. Bahram Moradis Roman ist eine fordernde Lektüre, die zugleich beeindruckend verdeutlicht, wie Literatur zum Medium tiefenpsychologischer Selbsterkundung wird.
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