Gabriele von Arnim

Nachwort über das Buch „Das Gewicht der anderen“ erschienen bei Wallstein Verlag

Was haben Sie gedacht, gefühlt, gehofft, was haben Sie erkannt und entschieden für sich, als Sie diesen Roman eben zu Ende gelesen haben. Sind auch Sie wieder einmal ins Grübeln geraten darüber, wozu die Spezies Mensch fähig ist in der fast unbegreiflichen Ausbildung der Deformation. Wie Mensch kaum aus-haltbare Formen der Folter sich ausdenkt, sadistische Fantasien radikal auslebt. Oder haben Sie darüber nachgedacht, wie standhaft und couragiert Sie wohl leben oder wie schnell Sie mitmachen würden in einer Diktatur. Carola Stern – sie war in sehr jungen Jahren eine glühende Nationalsozialistin gewesen – fragte sich und uns in ihren Erinnerungen: »Wie sicher kann ein Mensch sich seiner selbst sein?« Was für eine große Frage. Sind Sie sich der eigenen Zerbrechlichkeit bewusst geworden, der Gefährdung durch Feigheit oder sagen wir Mutlosigkeit? Ist Ihnen der unermessliche Wert der Freiheit klar geworden, nachdem Sie den zerstörerischen Folgen der Unfreiheit begegnet sind? Fragen auch Sie sich, wie ein Dreizehnjähriger, der vom eigenen Bruder dem Regime ausgeliefert wird, nach dieser Vertrauensberaubung heilen kann?

All diese und mehr Fragen stürzen in unsere Köpfe, während wir lesen. Denn Moradis Roman über das Überleben und Sterben in einer diktatorischen Gesellschaft in iranischen Gefängnissen ist viel mehr als ein Schreckensbe-richt. Sein Text ist ein dringlicher Appell, ein politscher Mahnruf, sich für Freiheit und Menschlichkeit, für ein tolerantes Miteinander einzusetzen. Sich selbst und den anderen als Mensch anzuerkennen, sich selbst und den anderen auch in unserer kollektiven Verwüstlichkeit zu erkennen.

Bahram Moradi, 1960 in Broujerd, im Iran geboren, lebt seit 1994 als Schriftsteller und Kritiker in Berlin. Im Iran hat er als Schauspieler, Dramatiker und Regisseur am Theater gearbeitet. Bis er Mitte der achtziger Jahre fliehen musste.

»Meine Theatergruppe und ich«, so erzählt er, »wurden an einem regnerischen Tag auf der Bühne einer Theateraufführung verhaftet. Ein politischer Aktivist, der von meinen politischen Tätigkeiten wusste und verhaftet worden war, hatte bereut und mich identifiziert.« Moradi wurde verur-teilt, eingesperrt und gefoltert. Nach seiner Freilassung schlug er sich mit Hilfsjobs durch. Arbeitete in einer kleinen Glasschleiferei, in einem Malereibetrieb, transportierte Haushaltwaren. Schließlich entschloss er sich zur Flucht, musste er fliehen. Begab sich mit seiner damaligen Frau und dem fünf Monate alten Sohn ins Risiko. Sie schafften es, nach Deutschland zu kommen. Wo er in den letzten drei Jahrzenten in einer Druckerei gearbeitet hat, in einem Callcenter und als Taxifahrer. Er brauchte nur genug Geld, um weiterschreiben zu können. Das Schreiben, sagt er, habe ihn gerettet. Schreiben sei »eine Besessenheit, ein Muss, um mich selbst kennen-zulernen; meine Schmerzen zu lindern; die Fragen nach dem Sinn des Lebens zu stellen. Aber ich schreibe vor allem, um das Geschehene nicht zu vergessen und um die Grenzen der inneren und äußeren Zensur zu durchbrechen.« »Schreiben«, hat er einmal gesagt, sei eine »Lebensver-stehenskunst.«

Das Ergebnis: Fünf Erzählbände, zwei veröffentlichte und drei unveröffentlichte Romane und mehrere Theaterstü-cke. Einiges ist auf persisch publiziert worden. In den USA und in Großbritannien. Es gibt derzeit etwa noch zehn iranische Verlage in Europa und den USA, die Bücher auf Persisch veröffentlichen für eine weltweit verstreute Leserschaft. Gerade wurde wieder ein Erzählband bei einem iranischen Verlag veröffentlicht. Moradi ist mehrfach für sein Werk ausgezeichnet worden.

Und nun endlich – der Baur-Stiftung und dem Wallstein Verlag sei Dank – erscheint zum ersten Mal ein Roman von Moradi auf Deutsch. Er hat lange überlegt, welches Werk es sein sollte. Denn er schreibt auch, um sich und seine Leser »über die Absurditäten des Lebens zum Lachen bringen zu können.« Und so wollte er eigentlich einen politischen Schurkenroman wählen, der auch noch in der Schublade lag. Der sei frech und witzig und, so meinte er: »Die Leute wollen doch nicht beunruhigt werden.« Ich bin froh, dass es dieser sehr beunruhigende Roman geworden ist: »Das Gewicht der anderen.« Denn so wie Moradi zuvor erzählt hatte vom Schreiben dieses Buches, von dem Schmerz, dem Zaudern, dem emotionalen Wider-stand, weil das Schreiben ihn »im Innersten umgedreht« habe, konnte man schon die existentielle Intensität ahnen, die Dringlichkeit, die wir nun dank der fulminant beherzten Übersetzung von Sarah Rauchfuß so unmittelbar spüren können. Jahrzehnte hat Moradi gebraucht, um diesen Roman zu schreiben. Der auf keinen Fall autobiografisch werden sollte. Aber er kennt, wovon er schreibt. Auch er war gefangen, auch er wurde gefoltert, auch er trägt Wunden in sich. Er habe gelernt, hat er einmal gesagt, sich zu schützen »meine Gefühle zu zeigen – aber mich zu schützen«.

S. 14I »In Vakilabad trug jeder Wunden mit sich herum, das wusste man. Sie wurden frisch gehalten, immer wieder ein Finger hineingelegt, um nicht zu vergessen. Nie-malsjemals. Man wusste ebenfalls, dass jeder die Wunden auf seine Weise offenhielt. Was man später mit diesen niemalsjemals vergessenen Wunden machen sollte, wusste niemand.«

Moradi hat geschrieben. Die Innenansicht einer Diktatur.

Die Innenansicht eines Dreizehnjährigen, der aufgrund einer Verwechslung mit seinem Bruder in den Kellern der Gefängnisse verschwindet. Und dort für Jahre bleibt. In genau den Jahren, in denen man seine eigene Persönlichkeit erkundet, herausfindet, gestaltet, lebt er irrtümlich als sein Bruder, es gestalten ihn andere. Die Wächter, die Folterer, die Mitgefangenen. »Das Gewicht der anderen«. Bis sein Bruder gefunden wird, gesteht, »bereut« und ihn denun-ziert. Kein Wunder, dass er nach seiner Entlassung nur noch im Keller des Elternhauses sein kann, niemanden sehen will, den Kontakt zur Welt meidet. Was immer die Welt sein mag. Wie soll er den Weg zurück zu sich finden, wenn er doch noch gar nicht weiß, wer er ist.

Imre Kertész hat einmal gesagt, um über Auschwitz schreiben zu können, habe er Auschwitz erfinden müssen. Und so musste auch Moradi eine Geschichte erfinden, um seine Erfahrungen erzählen zu können. Und hat ein explodierendes Kaleidoskop entworfen, hat mit dramaturgisch geschickten Zeitsprüngen zwischen Vergangenheit und Gegenwart gearbeitet. Mal sitzt man mit dem Jungen in der Zelle und hört den philosophierenden Gefangenen zu, mal klemmt man mit ihm in einem der Folterinstrumente oder hockt mit ihm – nach der Entlassung – im Keller seines Elternhauses. Der Autor wechselt zwischen einem Ich- und einem auktorialen Erzähler. Wohl um eine Distanz herzustellen zwischen dem Schmerz der eigenen Erinnerung und den Schrecken der Torturen des Peyman Baschad. Moradi hat persische Erzähllust mit europäischen Denk-traditionen verknüpft, hat Humor, Fantasie und brutale Realität in einen Wundenteppich gewebt, auf dem man geht in diesem Buch.

S. 224 »Ich würde jeden Tag im Innenhof laufen gehen, hat er gesagt, und was das bedeuten würde? Widerstand würde das bedeuten. Das Zusammensitzen mit euch: Anstiftung zum Widerstand, und dass ich ständig meine Fußsohlen eincreme: falscher Vorwurf der Folter und Verleumdung der Islamischen Republik«.

Immer wieder dringt Moradi ein in die Tiefe vom Schmerz des zerbrechenden Körpers, des zerbrechenden Bewusst-seins. Aber auch hinein in den wütenden, den rettenden Intellekt und Witz der Geschundenen. Manchmal hat man das Gefühl, dass auch er kaum zu glauben vermag, was ein Mensch überleben kann an Verheerung und Verrat. Und wir folgen ihm – lesend distanziert und emotional involviert – in die Folterkeller, die Unmenschlichkeit, den Mut, die Ohnmacht und die Kraft. In die Wege der absoluten Willkür der Machthaber. Ein wichtiges Instrument in jedem Terrorsystem.

S. 110 »Nein, sicher war einfach gar nichts. Selbst bei den Dingen, von denen man meinte, dass sie nicht sicher wa-ren, wußte man nicht, ob sie es wirklich nicht waren.«

Eine der für mich eindringlichsten Szenen ist das Einge-sperrtsein in einen winzigen weißen Kubus. Es gibt keine Ecke, keine Kante, keine Schräge, keine Tür, kein Fenster, keine Ameise, kein Schlüsselloch, keinen Schatten, keinen Fleck auf der Wand. Es gibt kein Oben, kein Unten, kein Rechts, kein Links, keinen Anfang, kein Ende. Es gibt nichts, woran der Blick sich festhalten kann, nichts, woran man sich orientieren kann. Eingesperrt in der weißen Un-endlichkeit, in der man sterben, zumindest den Verstand verlieren oder jedenfalls genug zerrüttet werden soll, um reumütig in die süße Geborgenheit des herrlichen Islam zurückzukehren. Das ist so furios geschrieben, dass man meint, selbst haltlos in diesem Kubus zu wirbeln, und man dringend aus dem Buch ins Zimmer schauen muss, um sich der eigenen Wirklichkeit zu vergewissern. Ein weißer kleiner Kubus als Folterinstrument. Wer denkt sich so etwas aus?

Bahram Moradi selbst bewies eine bewundernswerte innere Kraft, als er sich weigerte, ein falsches Geständnis zu unterschreiben, zu dem seine Folterer ihn im Gefängnis zwingen wollten. »Ich wusste«, sagt er, »wenn ich zu-stimmte, würde ich in einen Prozess eintreten, der zum Zusammenbruch meiner Psyche und Persönlichkeit führen würde. Ich wäre einer von ihnen. Wenn ich es nicht akzep-tierte, würde ich noch mehr gefoltert werden und mein Körper würde zusammenbrechen. Ich wusste, dass körperliche Wunden nach einer Weile heilen und nur eine Spur davon zurückbleibt, aber seelische Wunden, Wunden, die dadurch entstehen, dass man sich selbst belügt, heilen nie. Mein Glaube an die Wahrheit und mein Widerstand gegen die Lügen und Verbrechen des Regimes und seiner Verbündeten veranlassten mich, den zweiten Weg zu wählen.«

Ich staune immer wieder über diese geistige Kraft und frage mich und uns, wie wir immer noch so Behüteten es angesichts einer solchen Haltung wagen können, zu verza-gen, wie wir es wagen können, uns nicht einzusetzen für die Freiheit. Nicht Verantwortung zu übernehmen, also Antwort zu geben auf die Gefährdung der Demokratie. Jede und jeder von uns.

Einmal hat Moradi nach seiner Freilassung in Iran seinen Folterer an einem Imbiss getroffen. „Hallo, Herr Moradi“ hat der gerufen. Er hat ihn an der Stimme erkannt. Denn im Gefängnis wurden den Getangenen die Augen verbunden, damit sie ihre Schänder nicht er-kannten. Als er sich umdrehte, hat der Folterer gewunken, und er hat gedacht: so ein hässlicher kleiner Mann.

Für Bahram Moradi ist das Geschichtenerzählen Teil der iranischen Kultur, die ihn prägte. »Abendländer«, sagt er, »neigen so sehr zum Nachdenken und Philosophieren, sie schreiben Reflexionen und Essays. Morgenländer wollen vor allem erzählen.« Ich glaube, es war Salman Rushdie, der einmal von der Imagination als Superpower gesprochen hat. Und die hat Moradi eingesetzt, um uns zu erzählen vom Menschen und seinen Abgründen, von der Menschenliebe und Menschenverstümmelung. Von uns.

»Der Mensch, der einzelne Mensch«, schreibt Swetlana Alexijewitsch in ihrem großartigen Buch ›Secondhand-Zeits, »hat mich schon immer fasziniert. Denn im Grunde passiert alles dort.« Und genau das erzählt Bahram Moradi mit furios feinnerviger Wahrnehmungskraft. Und wir verstehen: Jedes Leid zählt und jede Heilung. Jeder Schritt, den wir tun, hat seine Wirkung. Jeder Mensch ist ein Rädchen und jeder Mensch ist ein Universum. Und ohne Poesie kann man nicht leben und nicht schrei-ben:

S. 342 »Eine trübe, schwere Abenddämmerung. Die Wüstensonne, trunken und zufrieden vom Lebenssaft, den sie dem Boden entzogen hat, verschwindet im Quell-bach des Universums.«

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