Die Punkte eines Exilanten

(Meine Rede bei der Verleihung des „Chamisso-Publikations-Stipendiums“ der Friedrich-Baur-Stiftung/ Burgkunstadt, Alten Vogtei 11.10.2025)

Auf der Grundlage von Hannah Arendts brillanter Analyse, versammeln totalitäre Regime einsame und frustrierte Menschen, bieten ihnen ein geschlossenes ideologisches System an und schüren Terror, um andere Stimmen zu unterdrücken. Doch was sie nicht voraussehen können, sind die Menschen, die – wieder rum, mit Arendts Worten – jenen Albträumen stören, den wir in der Nacht träumen und den die Totalitären am Tag verwirklichen.

Lassen Sie mich, Ihnen eine kurze Kurzgeschichte erzählen: Es war einmal ein junger Mann, der in den sozialen Medien sehr kurze, indirekte und sarkastische Texte schrieb, in denen er totalitäre Regierung seines Landes kritisierte. Eines Tages postete der Regimeführer einen Satz in einem dieser Netzwerke. Sein Satz hatte am Ende keinen Punkt. Der junge Mann hinterließ einen Kommentar unter seinem Post, der nur aus einem Punkt bestand. Wenige Tage später wurde er wegen „Beleidigung des Führers“, „Störung der öffentlichen Ordnung“ und „Spionage für feindliche Staaten“ verhaftet.

Die Groteske, die diese Geschichte durchdringt, könnte von Kafka stammen oder vielleicht ist sie auch nur die krankhafte Fantasie eines Menschen, der als einzige Lösung für die vielen Probleme des Lebens das „Säubern“ kennt?
Aber diese Geschichte ist wahr.
Der Autor dieses „Punkts“ ist ein junger Redakteur namens Hossein Shanbehzadeh, der letzte Monat in einem Teheraner Gefängnis seinen siebenunddreißigsten Geburtstag feierte. Er kennt den Wert und die Bedeutung von Worten und Punkten, und obwohl er in seiner Heimat lebt, ist er wie ich ein Exilant. Er verspottete die Ideologie eines totalitären Systems und schrieb die kürzeste Kurzgeschichte der Welt – mit der tiefsten Bedeutung und nüchternsten Form.

Meine Motivation beim Schreiben des Romans „Das Gewicht der anderen“ bestand darin, diese unbekannten „Punkte“ aufzuzeigen; Menschen, die falsche „Hoffnungen“ beiseitelegen und mutig und ehrenhaft handeln.

An dieser Stelle möchte ich der Friedrich-Baur-Stiftung für die Verleihung des Chamisso-Stipendiums danken. Und auch denen, die Veröffentlichung des Buches ermöglicht haben:

. Johanna Adickes – eine langjährige Freundin, die mich seit den ersten Jahren meines Exils unterstützt hat;
. Annika Reich – die Großartige, engagierte Schriftstellerin, die eine tragende Säule von Weiter Schreiben Berlin ist;
. Gabriele von Arnim – die Autorin, deren Leben ein Beispiel für ehrenhaftes Handeln ist;
. Michael Krüger – ein außergewöhnlicher Mensch und Autor. Hätte dieses Buch ohne ihn eine Chance gehabt, sich im Labyrinth des deutschen Verlagswesens durchzusetzen?
. Sara Rauchfuß – eine geduldige Übersetzerin mit sprachlichem Feingefühl.

. Und schließlich meiner Lebensgefährtin Maryam Mardani – einer Schriftstellerin, die stets meine erste Leserin ist und mir Liebe schenkt.

Herzlichen dank

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