Es ist Nacht und … zerstreute Nachtgedanken

Erschienen in weiterschreiben.jetzt

Aus dem Persischen von Sarah Rauchfuß

  1. Ein anderer Franzose, Charles Baudelaire, betrachtet die Nacht mit scharfem und bezwingendem Blick im Genre der Schwarzen Romantik. Bei ihm heißt es: „Und nichts auf dieser Erde weit und breit / Gleicht jener kalten Sonne Grausamkeit / Dem Chaos dieser ungeheuren Nacht“[3]. Herr Baudelaire, werden sie nicht ungehalten, aber für Marcel Proust waren es gerade jene ungeheuren Nächte, in denen er im Schutze streng abgeschotteter Räume schrieb, um die Zeit vor dem Verschwinden zu retten und damit das Ende der Welt nicht heraufbräche (Die sanfte Stimme des Malerpropheten erklingt aus den Tiefen der Jahrhunderte: „Das Licht siegt über die Dunkelheit.“ Baudelaire antwortet: „Alle Propheten sind Lügner.“)
  2. Mani, bekannt als der „Malerprophet“, sagte: „Die Dunkelheit steigt auf, die Helligkeit ab“. Und wenn die Endzeit gekommen sei, werde eine große Schlacht stattfinden zwischen diesen beiden und die Helligkeit über die Dunkelheit und das Reine über den Schmutz den Sieg davontragen. Doch bevor das Ende der Welt nahte, wurde Mani auf Befehl des Großkönigs getötet und einige Jahrhunderte später war von seiner Religion keine Spur mehr geblieben; vermutlich deshalb, weil ihm, statt über das konkrete Datum des Weltuntergangs nachzudenken und seine Anhänger hoffnungsvoll darauf einzustimmen, mehr daran gelegen gewesen war, zu malen.
  3. Vielleicht beschreibt auch Ahmad Shamloo, ein iranischer Dichter, eben jene Endzeit in den folgenden Versen, die er Jahrhunderte später dichtete: „Keine Nacht / Kein Mond / noch Tag / oder Sonne / wir stehen / außerhalb der Zeit.“ Sein Bild lässt vage etwas vom Ende der Zeit anklingen: farblos, stumm, weder ein Ringen noch ein Sieg; als hätte es den Big Bang noch nicht gegeben. Man will den Herrn Dichter gerne fragen, was jetzt zu tun sei, doch da sehen wir, er ist nicht mehr. Just in diesem Moment kommt atemlos einer aus dem Herzen der Dunkelheit gerannt und ruft: „Es ist Nacht und verfinstert der Heimat Gesicht / In der Finsternis zu weilen, eine Sünde schon an sich“. Es ist Aslan Aslanian, ein junger, heute in Vergessenheit geratener Dichter, mit zornerfülltem und herausforderndem Blick. Wir, die wir doch keine Sünder sein wollen, fragen, werter Herr Dichter, bitte sagen Sie doch, was sollen wir tun? Und er deklamiert: „Reich mir mein Gewehr, den Weg weiterzuwandern / denn jeder Liebende ist ein Wanderer“ und er verschwindet wieder in der Dunkelheit, auf einem Weg, der vermutlich an das Ende der Welt führt. Einige Sekunden verstreichen, dann ist Gewehrfeuer zu hören. Anton Tschechow hat Recht behalten, als er einst sagte, das Gewehr, das im ersten Akt an der Wand hänge, werde im letzten zweifellos einen Schuss abgeben.
  4. Ungefähr hundert Jahre vor diesem Guerillapoeten, hatte der Franzose Arthur Rimbaud, dieser junge, geschäftige Kerl, andere Erwartungen an die Nacht. Er schickte sich an „… ein dichterisches Wort zu erfinden, das des einen oder anderen Tages allen Sinnen zugänglich wäre…“[1] (ein Wunschtraum, hochtrabender als alle wahnsinnigen Ideen Elons Musks) und er „[…] schrieb das Schweigen nieder / das Nächtliche …“[2]. Der Dichter geriet jedoch früh, mit einundzwanzig Jahren nur, in ein wirres Schweigen und finstere Nächte; vielleicht, weil alle Propheten die ersten Verlierer ihrer eigenen Ideen sind und weil „Die Dunkelheit aufsteigt, und die Helligkeit ab“?
  5. Und es sind solch proustische Nächte, in denen Paul Celan auf die Welt kommt, um später, in Zeiten des Tag und Nacht beherrschenden Schreckens, zu dichten: „…wir sagen uns Dunkles, wir lieben einander wie Mohn und Gedächtnis …“. Wir sehen, dass der Dichter die Dunkelheit an die Seite der Helligkeit (der Liebe) stellt, bis „…es […] Zeit [ist], dass man weiß! /…/ dass der Unrast ein Herz schlägt … “. Als sei nur über das tiefe Verständnis des Hässlichen eine freundliche Welt zu haben.
  6. Goethe sagt: „Wollt ihr Macht? Der Mächt’ge hat sie. / Wollt ihr Reichtum? Zugegriffen! / Glanz? Behängt euch! / Einfluß? Schleicht nur! / Hoffe niemand solche Güter; / Wer sie will, ergreife sie.“ Mit dem werten Herrn Goethe betreten wir nun eine andere Welt: Die Welt der Diktatoren. Mit großer Wahrscheinlichkeit ist die Nacht für Diktatoren/Verbrecher (denn man kann das eine nicht sein, ohne das andere zu begehen) noch schrecklicher als von Baudelaire beschrieben.  
  7. In seinem Buch „Verrückte Schriften“ hält Al-Zenon Promokamisa die folgende Liste der täglichen Befehle eines Diktators namens Kha Pu Er Tr Ki fest: „Hier aber die Liste der nächtlichen Befehle des Führers:

„. Ich befehle mir, die Lage unter dem Bett, hinter der Tür und am Fenster meines Schlafzimmers zu kontrollieren;

. Ich befehle mir, Frauen keinen Zutritt zu meinem Zimmer zu gewähren (denn tagsüber muss ich regieren);

. Ich befehle mir, nicht zu schlafen, nur vorzugeben, zu schlafen. Niemandem zu vertrauen (nicht einmal mir selbst?);

. Ich befehle mir, sollte ich aus Versehen einschlafen, nicht zu träumen;

. Ich befehle, dass sie mich nachts im Livestream auf den Werbetafeln überall im Land ausstrahlen;

. Ich befehle, dass die Lampen brennen und bei den Leuten zuhause die Türen offenstehen;

. Ich befehle, dass immer Tag ist.“

Die moralische Konklusion der Gegenüberstellung dieser zwei Welten, jene der Dichter und jene der Diktatoren, liegt darin, dass am Tag genauso viele Verbrechen begangen werden wie in der Nacht; mögen die Drakulas sich auch nur in der Nacht zu Erkennen geben, die Waffenfabriken arbeiten auch am Tage.


[1]Alchimie des Wortes, aus dem Französischen von Thomas Eichhorn, in: Rimbaud, A. (2002). Sämtliche Dichtungen, S. 239.

[2] Ebd.

[3] De profundis clamavi, 1925 aus dem Französischen von Therese Robinson, https://www.projekt-gutenberg.org/baudelai/blumen/chap033.html.

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